Vom Altvatergebirge nach Mittelhessen: Hochzeitsküchlein

16. September 2019

Es gibt Familienrezepte hinter denen sich große Geschichten verbergen. Geschichten über besondere Menschen, lange Reisen und ferne Länder, aber auch tragische Schicksale. Einem Rezept derart auf den Grund zu gehen, finde ich immer unglaublich spannend.
Die Küchlein, die ich euch heute zeige, stammen aus der Familie meiner Freundin und ich habe sie bereits als kleines Kind geliebt, wenn sie zu einem Fest gebacken wurden.
Die sogenannten "Hochzeitsküchlein" haben einen weiten Weg hinter sich und die Geschichte dazu hat mich in den letzen Tagen sehr bewegt.

Es war ein kalter Wintertag Anfang 1946, an dem die 15-jährige Oma meiner Freundin, zusammen mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester, der Mutter und Großmutter gezwungen wird, ihre Heimat zu verlassen. Das Elternhaus im damaligen "Braunseifen" (heute: Ryžoviště in Tschechien) wird sie nie wieder betreten. Es gehört ihnen nicht mehr. Mit dem, was sie tragen können, bewacht von bewaffneten Soldaten, müssen die Frauen einen Holzwagen besteigen und eine "Reise" ins Ungewisse antreten. Der Vater "ist im Krieg geblieben", erzählt mir die Oma sichtlich bewegt, als wir 73 Jahre später zusammen im Garten sitzen.
"Ich weiß noch, dass unser Weihnachtsbaum geschmückt in der Stube stand. Die Schokoladenanhänger haben wir Jahr für Jahr erneut verwendet", erinnert sie sich. "Das wussten die aber nicht!" Sie grinst und wir denken uns in diesem Moment beide, dass die alte Schokolade furchtbar geschmeckt haben muss, als der Christbaum geplündert wurde.

Am Bahnhof "Römerstadt" (heute: Rýmařov) wird sogar noch das wenige Gepäck gewogen, das die enteigneten Familien dabei haben. "Ich habe mir meinen aussortierten Koffer aber wieder zurückgeholt, als die nicht aufgepasst haben!"
Und dann beginnt sie: die Vertreibung aus dem Sudetenland. "Zusammengepfercht in Viehwaggons" geht es auf den Gleisen Richtung Westen.

Im August 1945 hatten die Siegermächte des zweiten Weltkriegs, auf einer Konferenz in Potsdam, die "humane und ordnungsgemäße Umsiedlung" aller Deutschen aus Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei beschlossen. "Human und geordnet" war jedoch das Gegenteil von dem, was die vielen Flüchtlinge und Vertriebenen erleben mussten.
Rund 3 Millionen Deutsche verloren ihre Heimat; viele starben auf der Flucht. Die Oma meiner Freundin hatte Glück: sie und die anderen Frauen überlebten die anstrengende und traumatische Reise, die ihr Ende in unserem kleinen Dorf in Mittelhessen fand. Hier arbeiteten die Frauen anfänglich für Kost und Logis bei Familien, die Landwirtschaft betrieben, so auch bei meinen ehemaligen Nachbarn.
"Und dann haben wir die Dorfjugend aufgemischt", sagt die Oma mit einem Lächeln im Gesicht. Neue Freundschaften wurden geknüpft und sie traf ihren zukünftigen Ehemann. Mit ihm zusammen gründete sie die Familie, die generationsübergreifend mit meiner eigenen so eng verbunden ist.
Als ich sie frage, ob sie jemals den Wunsch hatte, zurück in ihren Geburtsort zu reisen und ob sie mit der Gegend noch den Begriff Heimat verbindet, wird sie ernst: "Die wollten uns dort nicht mehr haben, also wollte ich nie wieder hin!"

Ein kleines Stück "Herkunftsland" hat sie jedoch mitgenommen in die neue, hessische Heimat. Die Hochzeitsküchlein mit verschiedenen Füllungen, gehören zu den wenigen Rezepten aus dem Altvatergebirge, die in ihrer Familie bis heute zubereitet werden. 
Am liebsten mit "Flammeschmier" (Pflaumenmus) oder mit Quark und Mohn.

Kleine Hefekuchen mit Pflaumenmus

Zutaten für ca. 40 Küchlein: 
  • 500g Mehl (Type 405)
  • 1/2 Würfel frische Hefe
  • 250ml lauwarme Milch
  • 75g Zucker
  • 75g Butter
  • 1 EL Öl
  • 1 gestrichener TL Salz

Für die Streusel:
  • 250g Mehl
  • 1 EL Stärkemehl
  • 125g Zucker
  • 175g Butter
  • 1 Prise Salz

außerdem:
  • 1 Eigelb mit etwas Milch und Zucker zum Bestreichen
  • Pflaumenmus zum Füllen
  • Puderzucker zum Bestreuen

Zubereitung:
Mehl und Salz in einer großen Schüssel mischen. Hefe mit etwas Zucker verrühren, bis sie flüssig ist. Restlichen Zucker und Butter in der Milch auflösen. Alle Zutaten mit dem Mehl verkneten, bis ein homogener Teig entsteht. Abgedeckt an einem warmen Ort gehen lassen, bis sich der Teig verdoppelt hat (mindestens 1 Stunde).
Inzwischen die Streusel zubereiten (alle Zutaten verkneten, bis dicke Krümel entstehen) und die Eistreiche auf einem tiefen Teller verrühren.

Teig auf eine bemehlte Arbeitsfläche geben und nochmal von allen Seiten einschlagen bzw. sanft kneten. Mit einem Löffel kleine Portionen abstechen (etwa je 25g) und den Teig in der Hand zu flachen Fladen formen. Einen Teelöffel Pflaumenmus in die Mitte geben und vollständig mit Teig umschließen.
Dazu habe ich vier Seiten des Fladens über dem Pflaumenmus zusammengedrückt und die noch offenen Ecken darüber mittig verschlossen. Das gefüllte Hefeteigpäckchen wird dann kopfüber in die Eistreiche getaucht mit Streuseln belegt. Diese sollte man leicht andrücken, damit sie beim Backen nicht vom Küchlein rutschen.

Auf einem Blech mit Backpapier, bei 170°C Heißluft/Umluft 15-20 Minuten hellbraun backen. Anschließend abkühlen lassen und dick mit Puderzucker bestreuen.
 
Hefeküchlein mit Pflaumenmus


Kommentare:

  1. Toll geschrieben. Eine berührende Geschichte. Gottes Segen für alle, die das erleben mussten und müssen.
    Carola

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  2. Liebe Janke, bei uns sind die Küchlein ein bisschen flacher aber ansonsten genau wie du sie zubereitet hast. Sie heißen Huxtkichlen. Meine Urgroßeltern kamen aus Neutitschein.
    LG Daniela

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  3. Solche Geschichten habe ich auch schon einige gehört - das sind immer extreme Lebenseinschnitte, die die Menschen zu verkraften hatten. Durch Erinnerungen und zum Teil auch Filme bleibt das in Erinnerung.
    Schön auch, dass die Familie Deiner Freundin sich so gut eingelebt hat. Ein Freund von mir war kürzlich mit seiner 80jährigen Mutter in ihrer alten Heimat; früher wollte sie nie, jetzt plötzlich doch.
    Wusstest Du, dass man den Altvaterturm, der früher im Altvatergebirge stand, im Thüringer Teil des Frankenwalds vor ein paar Jahren wieder aufgebaut hat? Ich habe das auch erst kürzlich erfahren und will mal hin.
    Das Rezept gefällt mir!

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  4. Mein Großvater wurde aus dem Kuhländchen, aus Botenwald vertrieben. In unserer Familie sind die "Kichln" noch sehr lebendig, mit Quarkfüllung und etwas flacher und weniger üppig als auf den Fotos.
    Henry

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